Straßenbäume sind gut für die Seele

JÜRGEN WENDLER

Ob bewusst oder unbewusst: Die Verbundenheit mit der natürlichen Umwelt ist fester Bestandteil des menschlichen Wesens. Wissenschaftler betrachten das Verbundenheitsgefühl als Folge davon, dass sich der Mensch in natürlichen, artenreichen Umgebungen entwickelt hat. Ausdruck dieser Tatsache ist nicht zuletzt, dass Grünflächen in Städten eine wohltuende Wirkung auf Menschen ausüben. Wie die Forschung außerdem gezeigt hat, können auch Straßenbäume wesentliche Beiträge zur Stärkung der seelischen Gesundheit leisten.

Eine Ahornallee in Mecklenburg-Vorpommern. Bäume wie diese erweisen sich nicht nur für die Luftqualität als nützlich.
Eine Ahornallee in Mecklenburg-Vorpommern. Bäume wie diese erweisen sich nicht nur für die Luftqualität als nützlich.

In Bremen gibt es nach Angaben des Umweltbetriebs der Stadtgemeinde ungefähr 70.000 Straßenbäume, bei denen es sich fast ausschließlich um Laubbäume handelt. Am häufigsten sind demnach Arten der Gattungen Eiche, Linde, Ahorn, Sorbus (auch Mehlbeeren, Vogelbeeren oder Ebereschen genannt) und Buche. Zusammen stellten diese Pflanzengattungen gut drei Viertel des Bestandes. Indem sie Sauerstoff freisetzten, Staub bänden und Schatten spendeten, so heißt es, trügen die Bäume dazu bei, das Stadtklima zu verbessern.Studie zum Wohlbefinden

Die Bedeutung von Pflanzen für das seelische Wohlbefinden unterstreicht unter anderem eine vor wenigen Monaten im Fachjournal „Scientific Reports“ veröffentlichte Studie von Forschern der Universitäten Leipzig und Jena, des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung. Sie deutet darauf hin, dass Straßenbäume im unmittelbaren Lebensumfeld von Menschen ein geeignetes Mittel sein könnten, um dem Problem der Depressionen zu begegnen. Nicht erst seit dem Auftreten des Coronavirus SARS-CoV-2 beobachten Fachleute, dass eine wachsende Zahl von Menschen unter Depressionen und Angststörungen leidet, insbesondere in Städten.

Um den Einfluss von Straßenbäumen auf das Seelenleben ermessen zu können, haben die Wissenschaftler um die Umweltpsychologin Melissa Marselle Daten zu Verschreibungen von Antidepressiva genutzt, das heißt: Sie setzten solche Daten von annähernd 10.000 erwachsenen Bewohnern Leipzigs in Beziehung zu Angaben über Straßenbäume in ihrem Wohnumfeld. Auf dieser Grundlage ermittelten sie einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Verschreibungen von Antidepressiva und der Anzahl der Straßenbäume in unterschiedlichen Entfernungen von den Wohnorten. Eine größere Zahl von Bäumen in der unmittelbaren Umgebung der Wohnung, das heißt in einer Entfernung von weniger als 100 Metern, ging demnach häufig mit weniger Verschreibungen einher. Dieser Zusammenhang zeigte sich nach Darstellung der Studienautoren besonders deutlich bei Menschen, die wirtschaftlich schlechter gestellten Gruppen angehörten. Wie die an der Untersuchung beteiligte Wissenschaftlerin Diana Bowler betonte, unterstreicht die Arbeit, wie wichtig alltägliche Begegnungen mit der Natur für die psychische Gesundheit sind. Mit anderen Worten: Stadtplaner seien gut beraten, sich bei ihren Überlegungen nicht auf Grünflächen wie Parks zu beschränken, die eigens aufgesucht werden müssten.

Dass eine grüne Umgebung helfen kann, Stress zu verringern, ist in den vergangenen Jahren durch verschiedene Studien belegt worden. So hat sich beispielsweise gezeigt, dass sich sowohl das Betrachten als auch das Erleben von Waldlandschaften positiv auf den Blutdruck, die Herzschlagrate und die Cortisolkonzentration auswirken können. Cortisol ist ein Hormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird, einen Einfluss auf Stoffwechselvorgänge hat und Energiereserven mobilisiert. Es wird bei Bedrohungen freigesetzt.

In einer am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung entstandenen Studie konnte eine Gruppe um die Psychologin Simone Kühn Belege dafür liefern, dass sich wohnortnahe Natur positiv auf die Hirngesundheit auswirkt. Warum Stadtbewohner besonderen Belastungen ausgesetzt sind, erklärten die Wissenschaftler so: Sie seien häufiger mit Neuem konfrontiert als Menschen auf dem Land und müssten mit einem komplexeren Umfeld zurechtkommen. Die vielfältigen Einflüsse könnten zu chronischem Stress führen, dazu, dass das Bedrohungssystem im Gehirn aktiviert werde. Dies drücke sich in einer erhöhten Aktivität der Amygdala aus. Der Begriff Amygdala bezeichnet Bereiche in der linken und rechten Gehirnhälfte. Ein anderer Ausdruck für diese Bereiche lautet Mandelkern. Fachleute sprechen auch vom Mandelkernkomplex, weil zu ihm verschiedene Kerne gehören. Er ist Teil des limbischen Systems, das für die emotionale Bewertung von Situationen zuständig ist und entwicklungsgeschichtlich zu den ältesten Regionen des Gehirns gehört. Simone Kühn und ihre Kollegen schenkten bei ihrer Untersuchung der Amygdala besondere Aufmerksamkeit. Bei Stadtbewohnern, die in der Nähe eines Waldgebiets lebten, fanden sie vermehrt Hinweise auf eine gesunde Struktur des Mandelkernkomplexes. Mit anderen Worten: Diese Menschen wirkten nicht so stark belastet wie andere und schienen deshalb besser in der Lage zu sein, mit Stress zurechtzukommen.Nützliche Grünflächen

Mit dem Nutzen von Grünflächen für das Wohlbefinden hat sich auch eine Studie einer Gruppe um die Professorin Heike Tost und ihren Kollegen Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim befasst. Im ersten Schritt hatten die Forscher 33 Stadtbewohner im Alter von 18 bis 28 Jahren gebeten, in einer Woche, in der sie ihren gewohnten Alltagsaktivitäten nachgingen, rund neun Mal pro Tag ihre Stimmung zu bewerten. Dazu standen ihnen speziell ausgestattete Smartphones zur Verfügung. Weil sie auch Informationen über zurückgelegte Wege und Aufenthaltsorte erhielten, konnten sich die Wissenschaftler ein genaues Bild davon machen, ob und wann die Studienteilnehmer Grünflächen begegneten. Diese Informationen konnten sie mit den Angaben zur Stimmungslage in Beziehung setzen. Wie sich herausstellte, war das Wohlbefinden größer, wenn die Teilnehmer von mehr Grünflächen umgeben waren.

Genauso erging es 52 weiteren jungen Erwachsenen, die im zweiten Schritt auf die gleiche Weise getestet wurden. Bei ihnen kam jedoch hinzu, dass im Anschluss an die siebentägige Phase des Datensammelns ihre Hirnfunktionen mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie untersucht wurden. Dabei zeigte sich, dass bei den Studienteilnehmern, die im Alltag besonders positiv auf Grünflächen reagiert hatten, die Hirnaktivität im sogenannten dorsolateralen präfrontalen Cortex verringert war. Von diesem Hirnbereich wird angenommen, dass er eine wichtige Kontrollfunktion beim Verarbeiten von negativen Emotionen und mit Stress verbundenen Erfahrungen besitzt. Meyer-Lindenberg zog dieses Fazit: „Diese Ergebnisse legen nahe, dass Grünflächen besonders für solche Menschen wichtig sind, deren Kapazität vermindert ist, negative Emotionen selbst zu regulieren.“

Weser Kurier 13.04.21

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